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Montag, 16. August 2010

Leons Labyrinth

Wie ein Irrer kreischend tobte Leon durch die weißen Gänge und hämmerte wild auf den Wänden herum. Dann war seine Energie aufgebraucht und er glitt an der Wand herunter. Das Labyrinth raubte ihm das letzte Bisschen Verstand, das ihm nach all den Jahren geblieben war.

Als Leonie sich ihm näherte, saß er zusammengekauert auf dem Boden. Sein Gesicht verriet seine innere Anspannung und die Wut, die er nicht abbauen konnte. Das Toben half nicht mehr. Seit Jahren war er mit Leonie in diesem Labyrinth gefangen. Seit Jahren suchte er verzweifelt den Ausgang. Er erinnerte sich an die schönen Zeiten daheim bei seiner Familie.

“Die Realität bekümmert dich, nicht wahr, Leon?”
Leonie stand ihm gegenüber und blickte ausdruckslos auf ihn herab. Er antwortete nicht.
“Leon, sieh mich an und verrate mir bitte, wonach du suchst!”. Ihre Stimme war stets eiskalt gewesen, und sie würde heute keine Ausnahme machen.
“Ich will wissen, warum ich hier bin! Womit habe ich das verdient? Ich muss das wissen, Leonie.”
Wie so oft bei solch grundlegenden Fragen antwortete Leonie mit einer Gegenfrage: “Wo willst du denn hin?”.
“Ich will nach Hause!”.
“Leon”, sie blickte ihm ernst in die Augen, “du bist zu Hause!”.

Wo immer er suchte, er konnte nichts finden. Kein Eingang, kein Ausgang, nicht mal ein Fenster. Die Wände des Labyrinths waren weiß und kahl. Er stand auf und sah Leonie ernst in die Augen. Das sollte sein Zuhause sein?

Leon kamen die Tränen.
“Was soll das alles hier? Warum werde ich als Versuchstier missbraucht? Und wo sind die Kameras?”.
“Jetzt hör’ mir mal gut zu, Leon. Es gibt kein Experiment und keine Kameras. Du solltest die Augen öffnen und aufhören, alles zu Tode zu interpretieren!”.

Einen Moment lang konnte Leonie nur sein Wimmern hören. Sie ließ sich ebenfalls an der Wand hinabgleiten und saß ihm nun gegenüber.

“Ich bin zu Hause? Wo ist die Welt? Wo ist meine Familie?”. Er schluchzte.
“Das hier ist deine Welt, Leon. Alles, was du gefunden hast, hast du hier gefunden; und auch hier wieder verloren.”
Er blickte zu ihr rauf und begann zu begreifen.
“Warum ist dieser Ort dann so trostlos?”.
Sie zögerte einen Moment.
“Weil du es so möchtest, Leon.”

Montag, 16. August 2010
Ertugrul Söylemez